Was ich lese – und was ich daraus lese
Als Medienberaterin in der Medienstelle sanctclara habe ich in den letzten Wochen das Buch Himmelwärts von Karen Köhler gelesen, das zur Anschaffung für unsere Medienstelle vorgeschlagen wurde. Mit Himmelwärts hat Karen Köhler ein außergewöhnlich zartes und zugleich humorvolles Buch für Kinder und Jugendliche geschrieben, das sich dem schweren Thema Vermissung auf philosophische, fantasievolle, nachdenkliche und immer wieder auch lustige Weise nähert.
Im Mittelpunkt steht die zehnjährige Toni, die ihre kürzlich verstorbene Mutter schmerzlich vermisst und gerne Kontakt zu ihr aufnehmen möchte. „Das kann sich niemand wirklich vorstellen, wie man eine tote Mutter vermissen kann, außer du vermisst eben eine tote Mutter.“ Zusammen mit ihrer besten Freundin YumYum beschließt sie deshalb, im Garten zu zelten und mithilfe eines selbst konstruierten kosmischen Radios Kontakt zu ihrer Mutter aufzunehmen. Was zunächst wie ein lustiges, magisch angehauchtes Abenteuer beginnt, wird im Laufe des Abends zu berührenden Beschreibungen von Vermissung – in wunderschönen sprachlichen Bildern. Als Toni und YumYum schließlich mit ihrem Radio tatsächlich eine Verbindung herstellen, führt sie nicht zu Tonis Mutter, sondern zur Astronautin Zanna, die auf der ISS sitzt und alle 80 Minuten mit ihnen sprechen kann. Mit ihr geraten die Kinder in philosophische Gespräche über Verlust, Traurigkeit, das Staunen über das Leben und die Erkenntnis, dass wir viele Dinge erst sehen und schätzen, wenn sie fehlen.
„Ich vermisse Geräusche. Das Sirrende, Singende, Donnernde, Schwingende, seltsam Klingende. Das Zischen und Brausen, Flirren und Sausen. […] Das Plätschern von Regen und Jaulen vom Wind. Wellen, die an Ufern lecken. Meere, die an Felsen schlagen. […] Ich vermisse Gras unter meinen Füßen, wie fühlt sich das nochmal an? Ich hab es vergessen.“
Trotz der Schwere des Themas ist das Buch erstaunlich leicht: witzige Dialoge, schräge Situationen und viel kindliche Fantasie lassen immer wieder lächeln – und genau darin liegt sein Zauber. Am Ende wird klar: Der Tod von Tonis Mutter hat ihr etwas Wesentliches beigebracht – dass das Leben endlich ist, dass wir nie wissen, wann wir etwas zum letzten Mal tun. Himmelwärts ist damit mehr als nur eine Geschichte über Trauer: Es ist eine Einladung, das Leben bewusster wahrzunehmen und Trauer miteinander zu teilen.